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Hormonersatztherapie und Brustkrebs: Wie groß ist das Risiko wirklich?

Autorenbild: Konstantin Wagner
Konstantin Wagner
11. Juni
6 Min. Lesezeit

„Ich würde ja Hormone nehmen, aber ich habe Angst vor Brustkrebs.“

Diesen Satz höre ich in meiner Praxis regelmäßig. Und ehrlich gesagt kann ich die Sorge gut verstehen. Kaum ein Thema rund um die Wechseljahre wurde in den vergangenen Jahrzehnten so kontrovers diskutiert wie die Hormonersatztherapie.

Viele Frauen leiden unter Hitzewallungen, Schlafstörungen, Brain Fog, Stimmungsschwankungen oder Gelenkbeschwerden. Gleichzeitig haben sie Angst vor möglichen Risiken der Behandlung. Oft basieren diese Ängste auf Informationen, die sie vor Jahren gehört oder irgendwo gelesen haben.

Doch was sagt die aktuelle Wissenschaft wirklich? Erhöhen Hormone das Brustkrebsrisiko? Und wenn ja, um wie viel eigentlich?

Schauen wir uns die Fakten einmal in Ruhe an.

Warum Hormone einen so schlechten Ruf bekommen haben

Wenn wir über die Angst vor Hormonen sprechen, landen wir fast immer bei einer Studie: der Women's Health Initiative, kurz WHI.

Als die ersten Ergebnisse im Jahr 2002 veröffentlicht wurden, gingen die Schlagzeilen um die Welt. Die Botschaft war einfach:

„Hormonersatztherapie erhöht das Brustkrebsrisiko.“

Innerhalb kurzer Zeit brachen die Verordnungszahlen weltweit ein. Millionen Frauen setzten ihre Hormone ab. Viele Ärztinnen und Ärzte wurden deutlich zurückhaltender.

Das Problem: Die Schlagzeilen waren deutlich einfacher als die tatsächlichen Studienergebnisse.

Heute, mehr als 20 Jahre später, wissen wir deutlich mehr über die Daten. Viele Ergebnisse wurden erneut ausgewertet. Einige Schlussfolgerungen mussten differenzierter betrachtet werden.

Die wichtigste Erkenntnis lautet: Hormonersatztherapie ist nicht gleich Hormonersatztherapie.

Nicht alle Hormone sind gleich

Stellen Sie sich vor, jemand würde sagen:

„Autos sind gefährlich.“

Das stimmt irgendwie. Aber ein Kleinwagen, ein Familienauto und ein Formel-1-Rennwagen sind trotzdem nicht dasselbe.

Ähnlich verhält es sich mit Hormonen.

In der ursprünglichen WHI-Studie wurden spezielle Hormonpräparate untersucht, die heute teilweise gar nicht mehr eingesetzt werden. Verwendet wurden sogenannte konjugierte equine Östrogene (Stuten Östrogene) sowie das synthetische Gestagen Medroxyprogesteronacetat.

Heute setzen wir häufig ganz andere Präparate ein. Viele Frauen erhalten körperidentische Östrogene als Gel oder Pflaster und mikronisiertes Progesteron, das chemisch identisch mit dem körpereigenen Hormon ist.

Deshalb lassen sich die damaligen Ergebnisse nicht eins zu eins auf jede moderne Hormonersatztherapie übertragen.

Ein wichtiger Punkt wird oft vergessen: Wer nahm eigentlich an der WHI-Studie teil?

Wenn heute über die Women's Health Initiative gesprochen wird, wird häufig über die Ergebnisse diskutiert. Deutlich seltener wird darüber gesprochen, wer überhaupt an der Studie teilgenommen hat.

Das ist wichtig, denn die Teilnehmerinnen entsprachen nicht unbedingt den Frauen, die wir heute typischerweise wegen Wechseljahresbeschwerden behandeln.

Das Durchschnittsalter der Frauen lag bei etwa 63 Jahren! Die durchschnittliche Menopause tritt dagegen bereits mit etwa 51 Jahren ein. Viele Teilnehmerinnen waren also bereits mehr als zehn Jahre über ihre letzte Regelblutung hinaus.

Hinzu kommt, dass nur ein kleiner Teil der Frauen zwischen 50 und 54 Jahre alt war. Genau in diesem Alter beginnen jedoch die meisten Frauen eine Hormonersatztherapie, wenn Beschwerden wie Hitzewallungen oder Schlafstörungen auftreten.

Ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Studie wurde ursprünglich gar nicht durchgeführt, um typische Wechseljahresbeschwerden zu behandeln. Ziel war vielmehr die Untersuchung, ob Hormone Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere chronische Erkrankungen verhindern können. Viele Teilnehmerinnen waren daher beschwerdefrei und nahmen die Hormone nicht wegen Hitzewallungen oder Schlafproblemen ein.

Außerdem waren viele Frauen bereits älter, leicht übergewichtig oder hatten kardiovaskuläre Risikofaktoren. Etwa ein Drittel der Teilnehmerinnen brachte bereits relevante Risikofaktoren mit.

Deshalb sagen viele Expertinnen und Experten heute: Die ursprüngliche WHI-Studie beantwortet vor allem die Frage, was passiert, wenn man Frauen im Durchschnittsalter von 63 Jahren erstmals körperfremde Hormone gibt. Sie beantwortet deutlich weniger die Frage, was bei einer gesunden 51-jährigen Frau passiert, die gerade in die Wechseljahre kommt und unter starken Beschwerden leidet.

Was zeigen die aktuellen Daten?

Die langfristigen Nachbeobachtungen der Women's Health Initiative brachten ein überraschendes Ergebnis.

Frauen, die ausschließlich Östrogene erhielten, entwickelten langfristig nicht häufiger Brustkrebs. In einigen Auswertungen zeigte sich sogar eine geringere Brustkrebsrate im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Anders sah es bei der Kombination aus Östrogenen und bestimmten Gestagenen aus. Hier zeigte sich unter längerer Anwendung ein moderater Anstieg des Brustkrebsrisikos.

Wichtig ist aber die richtige Einordnung.

In den Medien klingt ein „erhöhtes Risiko“ oft dramatisch. Für die einzelne Frau ist jedoch vor allem das absolute Risiko relevant.

Welche Frauen brauchen überhaupt Progesteron?

Ein wichtiger Unterschied wird häufig übersehen.

Frauen, die keine Gebärmutter mehr haben, benötigen theoretisch nur Östrogene (wobei ich auch diesen Patientinnen bei Progesteronmangelsymptomen Progesteron verschreibe).

Frauen mit Gebärmutter müssen zusätzlich Progesteron oder ein Gestagen erhalten. Der Grund ist einfach: Östrogene fördern das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut. Ohne Gegenspieler könnte langfristig das Risiko für Gebärmutterkrebs steigen.

Deshalb betrachten Wissenschaftler die Risiken von Östrogen-Monotherapien und kombinierten Therapien getrennt.

Und genau hier wird es spannend.

Relative Risiken können täuschen

Ein Beispiel:

Nehmen wir an, von 1.000 Frauen erkranken innerhalb eines bestimmten Zeitraums 20 an Brustkrebs.

Steigt diese Zahl auf 24 Frauen, entspricht das einem relativen Risikoanstieg von 20 Prozent.

Das klingt zunächst beängstigend.

Tatsächlich bedeutet es aber, dass vier zusätzliche Frauen von 1.000 betroffen sind.

Das Risiko steigt also nicht explosionsartig an. Vielmehr handelt es sich um eine vergleichsweise kleine Veränderung, die gegen die möglichen Vorteile der Therapie abgewogen werden muss.

Andere Risikofaktoren werden oft unterschätzt

Interessanterweise sprechen wir häufig über Hormone, aber deutlich seltener über andere Risikofaktoren, die mindestens genauso relevant sein können.

Dazu gehören:

  • Übergewicht

  • Bewegungsmangel

  • regelmäßiger Alkoholkonsum

  • Rauchen

  • höheres Lebensalter

  • familiäre Belastung

Gerade Übergewicht nach den Wechseljahren kann das Brustkrebsrisiko deutlich beeinflussen. Fettgewebe produziert selbst Östrogene. Dadurch entstehen hormonelle Effekte, die in ihrer Größenordnung teilweise mit denen einer Hormonersatztherapie vergleichbar oder sogar stärker sein können.

Das bedeutet nicht, dass Hormone harmlos sind. Es zeigt aber, dass man das Gesamtrisiko betrachten muss und nicht nur einen einzelnen Faktor.

Faktor

Grobe Risikoerhöhung für Brustkrebs

1 alkoholisches Getränk pro Tag

ca. +7 bis +10 %

2–3 alkoholische Getränke pro Tag

ca. +20 %

BMI plus 5 kg/m² nach der Menopause

ca. +12 %

BMI plus 4,5 kg/m² bei Frauen ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung

ca. +13 %

BMI plus 4,5 kg/m² bei Frauen mit Herz-Kreislauf-Erkrankung

ca. +31 %

Hohe körperliche Aktivität vs. niedrige Aktivität

ca. −13 bis −17 % Risiko

Kombinierte HRT mit Östrogen plus täglichem Gestagen über 5 Jahre ab 50

grob +1 zusätzlicher Fall pro 50 Frauen über 20 Jahre

Östrogen plus zyklisches Gestagen über 5 Jahre ab 50

grob +1 zusätzlicher Fall pro 70 Frauen über 20 Jahre

Östrogen-Monotherapie über 5 Jahre ab 50

grob +1 zusätzlicher Fall pro 200 Frauen über 20 Jahre

Das Brustkrebsrisiko durch kombinierte HRT ist real, aber in der Größenordnung oft vergleichbar mit anderen beeinflussbaren Risikofaktoren wie Alkohol, Übergewicht oder Bewegungsmangel. Deshalb sollte man Hormone nicht isoliert verteufeln, sondern immer das Gesamtrisiko betrachten.

Gibt es Vorteile einer Hormonersatztherapie?

Absolut.

Und genau deshalb entscheiden sich viele Frauen trotz möglicher Risiken für eine Behandlung.

Die stärkste Wirkung sehen wir bei typischen Wechseljahresbeschwerden wie:

  • Hitzewallungen

  • Nachtschweiß

  • Schlafstörungen

  • Stimmungsschwankungen

  • Konzentrationsproblemen

  • Brain Fog

  • Gelenkbeschwerden

  • vaginaler Trockenheit

Viele Patientinnen berichten, dass sie sich nach Beginn einer individuell angepassten Therapie wieder wie sie selbst fühlen.

Manche schlafen nach Monaten erstmals wieder durch.

Andere können sich wieder besser konzentrieren.

Wieder andere stellen fest, dass sie morgens ohne Gelenkschmerzen aufstehen.

Das klingt banal. Für die betroffenen Frauen bedeutet es oft ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen.

Mehr als nur Symptomkontrolle

Die Vorteile beschränken sich nicht nur auf das Wohlbefinden.

Wir wissen heute, dass Östrogene auch wichtige Funktionen für den Knochenstoffwechsel haben. Nach den Wechseljahren steigt das Risiko für Osteoporose deutlich an.

Eine Hormonersatztherapie kann helfen, Knochenmasse zu erhalten und das Risiko osteoporotischer Frakturen zu reduzieren.

Darüber hinaus gibt es positive Effekte auf die Vaginalgesundheit, die sexuelle Funktion und teilweise auch auf Stoffwechselparameter.

Die Therapie ist also weit mehr als nur eine Behandlung von Hitzewallungen.

Für wen eignet sich eine Hormonersatztherapie besonders?

Grundsätzlich gilt: Jede Frau muss individuell betrachtet werden.

Besonders häufig profitieren Frauen, die:

  • unter ausgeprägten Wechseljahresbeschwerden leiden

  • sich in den ersten Jahren nach Beginn der Menopause befinden

  • keine relevanten Gegenanzeigen haben

  • eine deutliche Einschränkung ihrer Lebensqualität erleben

Weniger geeignet kann die Therapie beispielsweise bei bestimmten Brustkrebserkrankungen, schweren Lebererkrankungen oder vorausgegangenen Thrombosen sein. Hier ist eine individuelle ärztliche Beratung entscheidend.

Mein Fazit als Gynäkologe

Die Angst vor Brustkrebs ist verständlich. Gleichzeitig sehe ich viele Frauen, die unnötig leiden, weil sie aufgrund veralteter Informationen auf eine mögliche Therapie verzichten.

Die aktuelle Datenlage zeigt ein deutlich differenzierteres Bild als noch vor 20 Jahren.

Ja, bestimmte Formen der Hormonersatztherapie können das Brustkrebsrisiko leicht erhöhen. Das Risiko ist jedoch deutlich komplexer als oft dargestellt wird. Entscheidend sind die verwendeten Hormonarten, die Dauer der Anwendung, das Alter der Frau und ihre individuellen Risikofaktoren.

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, warum wir überhaupt über Hormone sprechen.

Nicht, weil Frauen in den Wechseljahren krank sind.

Sondern weil viele Frauen unter Beschwerden leiden, die ihre Lebensqualität massiv beeinträchtigen können.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Erhöhen Hormone das Brustkrebsrisiko?“

Die entscheidende Frage lautet: „Überwiegt bei mir persönlich der Nutzen die möglichen Risiken?“

Genau diese Frage sollte jede Frau gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt beantworten. Nicht auf Basis von Schlagzeilen. Sondern auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer ganz persönlichen Situation.


Quellen:

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Chlebowski RT, Anderson GL, Aragaki AK, et al. Association of Menopausal Hormone Therapy With Breast Cancer Incidence and Mortality During Long-term Follow-up of the Women's Health Initiative Randomized Clinical Trials. JAMA. 2020;324(4):369–380. doi: 10.1001/jama.2020.9482

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