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100 mg Progesteron eingenommen – wirken dann auch 100 mg im Körper?

Autorenbild: Konstantin Wagner
Konstantin Wagner
10. Sept.
4 Min. Lesezeit

Progesteron wird heute häufig eingesetzt – zum Beispiel in der Hormonersatztherapie, bei bestimmten Zyklusbeschwerden oder bei Blutungsstörungen. Dabei entsteht schnell eine scheinbar einfache Rechnung: Wenn eine Kapsel 100 mg Progesteron enthält, dann bekommt der Körper doch auch 100 mg Progesteron.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Denn bei Medikamenten muss man zwischen der eingenommenen Dosis, der Bioverfügbarkeit, den entstehenden Metaboliten und der tatsächlichen Wirkung im Körper unterscheiden. Gerade bei oral eingenommenem mikronisiertem Progesteron ist dieser Unterschied besonders interessant.

Was passiert, wenn Progesteron geschluckt wird?

Nehmen wir als Beispiel eine Kapsel mit 100 mg mikronisiertem Progesteron, wie es beispielsweise in Famenita enthalten ist.

Nach dem Schlucken wird das Progesteron zunächst über den Magen-Darm-Trakt aufgenommen. Von dort gelangt es über die Pfortader zur Leber. Und hier passiert etwas Entscheidendes: der sogenannte First-Pass-Metabolismus.

Die Leber verstoffwechselt bereits beim ersten Durchgang einen erheblichen Anteil des aufgenommenen Progesterons. Deshalb erreicht nur ein vergleichsweise kleiner Anteil der eingenommenen Dosis den systemischen Kreislauf als unverändertes Progesteron.

Vereinfacht kann man sich merken: 100 mg Progesteron in der Kapsel bedeuten nicht 100 mg unverändertes Progesteron im Blut.

Je nach Untersuchung, Messmethode und individuellen Faktoren schwanken die Angaben zur oralen Bioverfügbarkeit deutlich. Größenordnungsmäßig wird häufig nur ein einstelliger bis niedriger zweistelliger prozentualer Anteil als unverändertes Progesteron systemisch verfügbar. Eine exakte Rechnung wie „100 mg eingenommen = exakt 8 oder 10 mg im Körper“ wäre allerdings zu stark vereinfacht.


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Progesteronmangel

Bedeutet das, dass der größte Teil des Progesterons wirkungslos verloren geht?

Nein. Und genau das ist ein wichtiger Punkt.

Der First-Pass-Metabolismus bedeutet nicht, dass das Progesteron einfach verschwindet. Bei der Verstoffwechselung entstehen verschiedene Progesteronmetaboliten, die selbst biologische Wirkungen haben können.

Besonders interessant ist dabei Allopregnanolon. Dieser neuroaktive Metabolit moduliert GABA-A-Rezeptoren im Gehirn. GABA gehört zu den wichtigsten hemmenden Neurotransmittersystemen unseres Nervensystems.

Das erklärt unter anderem, warum oral eingenommenes mikronisiertes Progesteron bei manchen Frauen eine beruhigende oder schlaffördernde Wirkung haben kann – und weshalb es häufig am Abend eingenommen wird.

Eine niedrige Bioverfügbarkeit des unveränderten Progesterons bedeutet also keineswegs automatisch eine geringe klinische Wirkung.

Progesteron wirkt nach oraler Einnahme nicht gleichmäßig über 24 Stunden

Ein weiterer wichtiger Unterschied zur körpereigenen Progesteronproduktion ist der zeitliche Verlauf.

Nach der Einnahme von oralem mikronisiertem Progesteron steigt die Progesteronkonzentration im Blut zunächst an. Es entsteht ein Peak. Anschließend sinkt die Konzentration wieder ab.

Man kann sich das vereinfacht eher als Progesteron-Welle vorstellen und weniger als eine konstante Versorgung über den gesamten Tag.

Hinzu kommt, dass die Pharmakokinetik von Frau zu Frau variieren kann. Aufnahme, Leberstoffwechsel, Zeitpunkt der Einnahme und sogar die Nahrungsaufnahme können die gemessenen Progesteronkonzentrationen beeinflussen.

Das ist einer der Gründe, weshalb ein einzelner Progesteronwert nach Einnahme eines Präparates nur begrenzt aussagekräftig sein kann, wenn Zeitpunkt und Art der Einnahme nicht berücksichtigt werden.

Wie viel Progesteron produziert der Körper selbst?

Nach dem Eisprung entsteht aus dem zurückbleibenden Follikel der sogenannte Gelbkörper – das Corpus luteum. Dieser produziert in der zweiten Zyklushälfte größere Mengen Progesteron.

Als grobe Größenordnung kann die körpereigene Progesteronproduktion in einer funktionierenden Lutealphase bei etwa 20 bis 30 mg pro Tag liegen. Diese Werte sind allerdings keine feste Konstante, sondern schwanken im Verlauf der Lutealphase.

Und hier liegt ein entscheidender Unterschied zur Kapsel:

Das vom Eierstock produzierte Progesteron muss nicht zunächst über den Darm aufgenommen und anschließend durch die Leber geschleust werden. Deshalb kann man die körpereigene Tagesproduktion nicht 1:1 mit einer oral eingenommenen Medikamentendosis vergleichen.

Die Rechnung

„Der Körper produziert etwa 25 mg – also müssten 25 mg oral ausreichen“

funktioniert pharmakologisch genauso wenig wie die Annahme

„Ich nehme 100 mg ein – also stehen meinem Körper auch 100 mg zur Verfügung.“

Was bedeutet das bei Schmierblutungen in der zweiten Zyklushälfte?

Besonders relevant wird dieser Unterschied bei Frauen, die beispielsweise in der zweiten Zyklushälfte unter wiederkehrenden Schmierblutungen leiden.

Progesteron spielt eine wichtige Rolle bei der sekretorischen Umwandlung und Stabilisierung des Endometriums. Deshalb kann eine Progesteron- beziehungsweise Gestagentherapie je nach Ursache und klinischer Situation eingesetzt werden.

Dabei sollte aber nicht allein auf die Milligrammzahl auf der Packung geschaut werden.

100 mg mikronisiertes Progesteron können in einer bestimmten Situation ausreichend sein. In anderen Situationen können eine andere Dosierung, ein anderes Einnahmeschema, eine andere Applikationsform oder ein anderes Gestagen sinnvoll sein.

Wichtig ist außerdem: Schmierblutungen sind nicht automatisch ein Beweis für einen Progesteronmangel. Wiederkehrende oder neu aufgetretene Blutungsstörungen sollten gynäkologisch abgeklärt werden, da auch andere hormonelle und organische Ursachen dahinterstecken können.

Oral, vaginal oder ein anderes Gestagen?

Auch der Applikationsweg spielt bei Progesteron eine wichtige Rolle.

Wird mikronisiertes Progesteron vaginal angewendet, unterscheidet sich die Pharmakokinetik deutlich von der oralen Einnahme. Der ausgeprägte hepatische First-Pass-Metabolismus wird weitgehend umgangen, und es können vergleichsweise hohe Progesteronkonzentrationen im Endometrium erreicht werden.

Deshalb kann man selbst 100 mg Progesteron oral und 100 mg Progesteron vaginal pharmakologisch nicht einfach gleichsetzen.

Daneben gibt es synthetische Gestagene wie Dydrogesteron, bekannt unter dem Handelsnamen Duphaston.

Dydrogesteron ist nicht bioidentisch mit dem körpereigenen Progesteron. Es besitzt jedoch nach oraler Einnahme eine zuverlässige gestagene Wirkung und wird unter anderem eingesetzt, wenn eine Wirkung am Endometrium gewünscht ist.

Das bedeutet nicht, dass Dydrogesteron grundsätzlich besser als mikronisiertes Progesteron ist. Beide Substanzen unterscheiden sich in ihrer Pharmakologie, ihren Metaboliten und teilweise auch in ihren klinischen Einsatzgebieten.

Die Frage sollte deshalb nicht lauten: „Welches Progesteron ist das stärkste?“

Sondern vielmehr: „Was möchte ich mit der Therapie erreichen?“

Die wichtigste Botschaft

Wenn du 100 mg Progesteron einnimmst, bedeutet das nicht, dass anschließend 100 mg unverändertes Progesteron in deinem Kreislauf zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig wäre es falsch, daraus zu schließen, dass der überwiegende Teil der Kapsel wirkungslos ist. Durch den First-Pass-Metabolismus entstehen biologisch aktive Metaboliten, die teilweise ganz andere Wirkungen entfalten als Progesteron selbst.

Deshalb müssen wir bei einer Progesterontherapie vier Dinge voneinander unterscheiden:

Dosis – Bioverfügbarkeit – Metaboliten – klinische Wirkung.

Und genau deshalb sollte eine Progesterontherapie nicht allein anhand der Milligrammzahl beurteilt werden. Entscheidend sind die Indikation, das Therapieziel, der Applikationsweg, die Verträglichkeit und die individuelle klinische Wirkung.

Hinweis: Dieser Artikel dient der medizinischen Aufklärung und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Progesteron oder andere Gestagene sollten nicht eigenständig begonnen, abgesetzt oder in ihrer Dosierung verändert werden. Insbesondere neu auftretende oder anhaltende Blutungsstörungen sollten gynäkologisch abgeklärt werden.

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