Die Abnehmspritze und das weibliche Hormonsystem
Viele Frauen bemerken unter einer Therapie mit Semaglutid oder Tirzepatid Veränderungen ihres Körpers, die über die reine Gewichtsabnahme hinausgehen. Manche berichten über regelmäßigere Zyklen, andere über Veränderungen der Blutungsstärke, der PMS-Beschwerden oder sogar der Libido.
Die Ursache liegt meist nicht darin, dass die Abnehmspritze direkt auf Östrogen oder Progesteron wirkt. Vielmehr verändert sie Körpergewicht, Fettmasse und Stoffwechsel. Und genau hier beginnt die hormonelle Geschichte.
Denn Fettgewebe ist kein passiver Energiespeicher. Es ist ein hormonaktives Organ.
Fettzellen als hormonproduzierendes Organ
Lange Zeit betrachtete man Fettgewebe vor allem als Speicher für überschüssige Energie. Heute wissen wir, dass Fettzellen zahlreiche hormonähnliche Botenstoffe produzieren und aktiv mit Gehirn, Leber, Muskulatur und Eierstöcken kommunizieren.
Zu den wichtigsten vom Fettgewebe produzierten Substanzen gehören:
Leptin
Adiponectin
Resistin
Interleukin-6 (IL-6)
Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α)
Zusätzlich enthält Fettgewebe ein entscheidendes Enzym:
Aromatase (CYP19A1)
Dieses Enzym ist der Schlüssel zur Östrogenbildung außerhalb der Eierstöcke.
Was macht Aromatase?
Aromatase gehört zur Familie der Cytochrom-P450-Enzyme und befindet sich unter anderem:
im Fettgewebe
in der Brust
im Gehirn
in der Haut
in den Knochen
Die Aufgabe der Aromatase besteht darin, Androgene in Östrogene umzuwandeln.
Dabei entstehen:
Androstendion → Estron (E1)
Testosteron → Estradiol (E2)
Je mehr Fettgewebe vorhanden ist, desto höher ist normalerweise die gesamte Aromataseaktivität des Körpers.
Deshalb produzieren Frauen mit höherem Körperfettanteil häufig größere Mengen Estron.
Was genau ist Estron?
Die meisten Frauen kennen Estradiol, weil es das dominierende Östrogen während der fruchtbaren Lebensphase ist.
Tatsächlich existieren jedoch drei wichtige körpereigene Östrogene:
Estradiol (E2)
stärkstes Östrogen
wichtigste Form vor den Wechseljahren
Hauptproduktion im Eierstock
Estron (E1)
schwächer als Estradiol
entsteht überwiegend durch Aromatisierung im Fettgewebe
wichtigstes Östrogen nach den Wechseljahren
Estriol (E3)
vor allem in der Schwangerschaft relevant
deutlich schwächer wirksam
Estron besitzt etwa 10 bis 20 Prozent der biologischen Aktivität von Estradiol.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Estron unbedeutend wäre.
Warum Estron biologisch so interessant ist
Estron ist kein Endprodukt.
Über das Enzym 17β-Hydroxysteroid-Dehydrogenase kann Estron jederzeit wieder in Estradiol umgewandelt werden.
Dabei entsteht ein dynamisches Gleichgewicht:
Estron ⇄ Estradiol
Man kann sich Estron deshalb wie einen hormonellen Speicherpool vorstellen.
Insbesondere nach den Wechseljahren stammt ein erheblicher Teil des verfügbaren Estradiols indirekt aus diesem Estron-Pool.
Was passiert bei Übergewicht?
Mit zunehmender Fettmasse steigt die Aromataseaktivität.
Dadurch werden größere Mengen Androstendion in Estron umgewandelt.
Die Folge:
höhere Estronspiegel
stärkere Östrogenwirkung außerhalb der Eierstöcke
veränderte Rückkopplung auf Gehirn und Hormonsystem
Besonders problematisch kann dies werden, wenn gleichzeitig kein regelmäßiger Eisprung stattfindet.
Denn dann fehlt häufig Progesteron als Gegenspieler der Östrogene.
Typische Folgen können sein:
stärkere Blutungen
Endometriumhyperplasie
Zyklusstörungen
PMS-Beschwerden
erhöhte Brustspannung
Estron und Brustkrebs: Wo liegt der Zusammenhang?
In Studien zeigen Frauen nach den Wechseljahren mit höheren Estronspiegeln ein erhöhtes Risiko für östrogenrezeptorpositive Brustkrebserkrankungen.
Die Ursachen sind wahrscheinlich multifaktoriell.
Mechanismus 1: Zellteilung
Östrogene fördern die Zellproliferation.
Je häufiger sich Zellen teilen, desto größer wird langfristig die Wahrscheinlichkeit für Mutationen.
Mechanismus 2: Östrogenmetabolismus
Estron wird in der Leber und im Gewebe über verschiedene Cytochrom-P450-Enzyme verstoffwechselt.
Dabei entstehen unterschiedliche Metaboliten:
2-Hydroxyestron
4-Hydroxyestron
16α-Hydroxyestron
Einige dieser Abbauprodukte werden intensiv erforscht, da sie möglicherweise unterschiedliche biologische Eigenschaften besitzen.
Wichtig ist jedoch:
Die Vorstellung eines simplen „guten“ und „schlechten“ Östrogenabbaus gilt heute als wissenschaftlich überholt. Die Zusammenhänge sind deutlich komplexer.
Was verändert eine Gewichtsabnahme?
Wenn Körperfett verloren geht, nimmt die Gesamtmenge an Aromatase ab.
Dadurch sinkt häufig:
die Estronproduktion
die chronische Entzündungsaktivität
die Insulinresistenz
Parallel steigen oft:
die Insulinsensitivität
die metabolische Gesundheit
die Wahrscheinlichkeit regelmäßiger Eisprünge
Viele Frauen erleben dadurch eine Normalisierung hormoneller Regelkreise.
Dabei geht es nicht darum, Östrogene möglichst stark zu senken.
Entscheidend ist vielmehr die Wiederherstellung eines physiologischen Gleichgewichts zwischen:
Insulin
Leptin
Östrogenen
Progesteron
Androgenen
Warum können sich Zyklus und Fruchtbarkeit verändern?
Insulin wirkt direkt auf die Eierstöcke.
Erhöhte Insulinspiegel fördern unter anderem die Androgenproduktion der Thekazellen.
Gleichzeitig beeinflussen Fettgewebe und Leptin die GnRH-Neurone im Hypothalamus.
Damit wirken Stoffwechsel und Fettmasse direkt auf die Hypothalamus-Hypophysen-Ovar-Achse.
Wenn Gewicht reduziert wird, können sich deshalb mehrere Faktoren gleichzeitig verbessern:
Insulinresistenz
Hyperandrogenämie
Entzündung
ovarielle Funktion
Dadurch treten bei manchen Frauen wieder regelmäßige Eisprünge auf.
Fazit
Die hormonellen Veränderungen unter einer Abnehmspritze beginnen nicht im Eierstock, sondern im Fettgewebe.
Fettzellen enthalten Aromatase und produzieren damit das Östrogen Estron. Dieses spielt insbesondere nach den Wechseljahren eine zentrale Rolle und dient gleichzeitig als Vorstufe für Estradiol.
Verliert der Körper Fettmasse, verändern sich Aromataseaktivität, Estronspiegel, Entzündungsprozesse und Insulinsensitivität. Dadurch kann sich das gesamte hormonelle Gleichgewicht verschieben – mit Auswirkungen auf Zyklus, Blutungen, Fruchtbarkeit und möglicherweise auch die Libido.
Die Abnehmspritze beeinflusst weibliche Hormone also meist nicht direkt. Sie verändert jedoch ein hormonaktives Organ, das lange unterschätzt wurde: das Fettgewebe.
Quellen:
Simpson ER. Sources of estrogen and their importance. Journal of Steroid Biochemistry and Molecular Biology. 2003;86(3–5):225–230. DOI: 10.1016/S0960-0760(03)00360-1
Kershaw EE, Flier JS. Adipose tissue as an endocrine organ. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. 2004;89(6):2548–2556. DOI: 10.1210/jc.2004-0395
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