"Ich fühle mich müde und dick"
Vor einigen Wochen kam Helena, 43 Jahre alt, zu mir in die Praxis. Sie fühlt sich zunehmend müde und erschöpft. Nicht nur nach einem langen Arbeitstag, sondern oft schon morgens nach dem Aufstehen. Besonders belastend empfindet sie ihre Konzentrationsprobleme. Sie arbeitet als Lehrerin an einer Gesamtschule und beschreibt sich selbst eigentlich als einen sehr belastbaren Menschen. Doch in den letzten zwei bis drei Jahren hat sich etwas verändert.
Sie sucht häufiger nach Worten, vergisst Dinge und hat das Gefühl, geistig nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie früher. „Es fühlt sich an, als hätte ich ständig Watte im Kopf“, beschreibt sie ihre Beschwerden.
Dazu kommen Schlafstörungen. Obwohl sie ausreichend lange schläft, wacht sie nachts häufig auf und fühlt sich morgens selten wirklich erholt. Auch ihr Gewicht macht ihr Sorgen. Trotz unveränderter Ernährung hat sie in den letzten Jahren mehrere Kilogramm zugenommen. Vor ihrer Periode fühlt sie sich oft aufgeschwemmt, die Brüste spannen und ihre Kleidung sitzt spürbar enger.
Während unseres Gesprächs erzählt sie mir außerdem, dass bei ihr vor einigen Jahren bereits erhöhte Schilddrüsenantikörper festgestellt wurden. Die Schilddrüsenwerte seien aber immer „noch normal“ gewesen. Deshalb fragt sie sich, ob ihre Beschwerden trotzdem etwas mit der Schilddrüse zu tun haben könnten.
Eine spannende Frage. Denn genau solche Fälle sehe ich in meiner Praxis immer wieder.
Die diagnostischen Schritte
Nach unserem Gespräch untersuche ich Helena zunächst gründlich und führe anschließend einen vaginalen Ultraschall durch. Dabei zeigen sich erfreulicherweise keine Auffälligkeiten. Gebärmutter und Eierstöcke sind unauffällig. Organische Ursachen für ihre Beschwerden finden sich zunächst nicht.
Damit richtet sich unser Blick auf den nächsten wichtigen Schritt: das Labor.
Da Helena über Müdigkeit, Brain Fog, Gewichtszunahme und Schlafstörungen klagt, lasse ich neben den klassischen Sexualhormonen auch die Schilddrüse, den Eisenstoffwechsel, den Zuckerstoffwechsel sowie wichtige Mikronährstoffe untersuchen.
Und genau hier beginnt die eigentliche Detektivarbeit.
Die Laborwerte
Schilddrüse
Parameter | Ergebnis | Referenz |
TSH | 2,1 mIU/l | 0,4–4,0 |
fT3 | 2,2 ng/l | 2,0–4,4 |
fT4 | 1,62 ng/dl | 0,92–1,68 |
TPO-Antikörper | 184 IU/ml | <34 |
Tg-Antikörper | 138 IU/ml | <115 |
TRAK | negativ | negativ |
Eisenstoffwechsel
Parameter | Ergebnis | Referenz |
Ferritin | 18 µg/l | 15–150 |
Transferrinsättigung | 14 % | >20 % |
CRP | unauffällig |
Sexualhormone (Zyklustag 4)
Parameter | Ergebnis | Referenz |
FSH | 8,4 IU/l | altersentsprechend |
LH | 7,8 IU/l | altersentsprechend |
Estradiol | 39 pg/ml | altersentsprechend |
Prolaktin | normal |
Zweite Zyklusphase (Zyklustag 21)
Parameter | Ergebnis | Referenz |
Progesteron | 4,8 µg/l | >8–10 µg/l wünschenswert |
Stoffwechsel
Parameter | Ergebnis |
Nüchternglukose | normal |
Nüchterninsulin | normal |
HOMA-Index | normal |
HbA1c | normal |
Mikronährstoffe
Parameter | Ergebnis |
Vitamin D | 34 ng/ml |
Vitamin B12 | normal |
Homocystein | normal |
Herz-Kreislauf-Risiko
Parameter | Ergebnis |
Lipoprotein(a) | unauffällig |
Was fällt auf?
Der erste Blick auf die Schilddrüse wirkt zunächst beruhigend. Das TSH liegt im Normbereich. Viele Frauen hören an dieser Stelle den Satz: „Mit der Schilddrüse ist alles in Ordnung.“
Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Die erhöhten Antikörper zeigen, dass bereits eine Hashimoto-Thyreoiditis vorliegt. Gleichzeitig bewegt sich das freie T3 bereits am unteren Rand des Referenzbereiches, während das freie T4 eher hoch liegt.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Schilddrüse behandelt werden muss. Es zeigt aber, dass man genauer hinschauen sollte.
Zusätzlich fällt auf, dass die Eisenspeicher nur unzureichend gefüllt sind. Der Ferritinwert liegt zwar noch innerhalb des Laborreferenzbereiches, aus funktioneller Sicht wäre jedoch deutlich mehr Eisen wünschenswert.
Warum ist das wichtig?
Eisen wird nicht nur für die Blutbildung benötigt. Es spielt auch bei der Aktivierung von Schilddrüsenhormonen eine wichtige Rolle. Fehlt Eisen, kann dies Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und Erschöpfung verstärken.
Noch interessanter wird der Fall, als wir die zweite Zyklusphase betrachten.
Hier zeigt sich ein Progesteronwert, der niedriger ausfällt, als ich ihn bei ihren Beschwerden erwarten würde.
Und plötzlich ergibt vieles Sinn.
Die Müdigkeit und der Brain Fog passen sehr gut zum Eisenmangel und zur beginnenden Schilddrüsenproblematik.
Die Wassereinlagerungen, das Brustspannen vor der Periode und ein Teil der Schlafprobleme lassen sich dagegen hervorragend durch den Progesteronmangel erklären.
Die Therapie
Schritt 1: Die Eisenspeicher auffüllen
Da Eisen für zahlreiche Stoffwechselprozesse benötigt wird, steht zunächst die Behandlung des Eisenmangels im Vordergrund.
Mein Ziel ist es, die Eisenspeicher wieder ausreichend zu füllen und anschließend zu beobachten, ob sich das freie T3 dadurch verbessert.
Nicht jede Frau mit Hashimoto benötigt sofort Schilddrüsenhormone. Manchmal lohnt es sich, zunächst beeinflussbare Faktoren zu optimieren.
Schritt 2: Progesteron in der zweiten Zyklusphase
Zusätzlich erhält Helena ein Progesteron-Gel für die zweite Zyklusphase.
Die Anwendung erfolgt über 14 Tage pro Zyklus in doppelter Dosierung.
Progesteron kann bei vielen Frauen helfen,
Wassereinlagerungen zu reduzieren,
Brustspannen zu lindern,
das Nervensystem zu stabilisieren,
innere Unruhe zu reduzieren,
und den Schlaf positiv zu beeinflussen.
Der Verlauf nach sechs Monaten
Bei der Kontrolluntersuchung sechs Monate später berichtet Helena über erste deutliche Verbesserungen.
Das Brustspannen vor der Periode hat nachgelassen. Auch die Wassereinlagerungen sind deutlich geringer geworden. Insgesamt fühlt sie sich stabiler und belastbarer.
Die Schlafqualität hat sich zwar verbessert, ist aber noch nicht dort, wo sie sein sollte.
Deshalb entscheiden wir uns für einen weiteren Schritt.
Zusätzlich erhält Helena nun zyklisch orales mikronisiertes Progesteron während der zweiten Zyklusphase.
Gerade bei Frauen mit Durchschlafstörungen kann dies eine sinnvolle Ergänzung sein.
Mein Fazit
Dieser Fall zeigt sehr schön, warum es sich lohnt, Beschwerden nicht isoliert zu betrachten.
Helena hatte nicht „die eine Ursache“.
Vielmehr kamen mehrere Faktoren zusammen: eine Hashimoto-Thyreoiditis, unzureichend gefüllte Eisenspeicher und ein Progesteronmangel in der zweiten Zyklusphase.
Jeder einzelne Befund für sich hätte die Beschwerden vielleicht nicht vollständig erklärt.
Zusammen ergaben sie jedoch ein stimmiges Gesamtbild.
Und genau deshalb liebe ich Hormonmedizin: Oft sind es nicht die großen Auffälligkeiten, sondern mehrere kleine Puzzleteile, die am Ende das gesamte Bild ergeben.
Deshalb wurde nach dem ausführlichen Gespräch zunächst eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt. Anschließend folgte ein vaginaler Ultraschall.
Die gute Nachricht: Hier zeigte sich kein Hinweis auf eine organische Ursache der Beschwerden. Gebärmutter und Eierstöcke waren unauffällig. Auch sonst fanden sich keine Auffälligkeiten, die Helenas Beschwerden hätten erklären können.
Damit rückte die spannendste Frage in den Mittelpunkt:
Was verrät das Blut?
Es wurde ein umfangreiches Hormon- und Stoffwechsellabor durchgeführt. Und genau hier fanden sich mehrere Hinweise, die zusammengenommen ein sehr stimmiges Bild ergaben.
Die Laborwerte
Schilddrüse
Parameter | Ergebnis | Referenz |
TSH | 2,1 mIU/l | 0,4–4,0 |
fT3 | 2,2 ng/l | 2,0–4,4 |
fT4 | 1,62 ng/dl | 0,92–1,68 |
TPO-Antikörper | 184 IU/ml | <34 |
Tg-Antikörper | 138 IU/ml | <115 |
TRAK | negativ | negativ |
Eisenstoffwechsel
Parameter | Ergebnis | Referenz |
Ferritin | 18 µg/l | 15–150 |
Transferrinsättigung | 14 % | >20 % |
CRP | unauffällig |
Sexualhormone
Parameter | Ergebnis | Referenz |
FSH | 8,4 IU/l | altersentsprechend |
LH | 7,8 IU/l | altersentsprechend |
Estradiol | 39 ng/l | altersentsprechend |
Progesteron (ZT 21) | 4,8 µg/l | >8–10 µg/l wünschenswert |
Prolaktin | normal |
Was fällt auf?
Der erste Blick auf die Schilddrüse wirkt zunächst beruhigend. Das TSH liegt im Normbereich. Viele Frauen hören an dieser Stelle den Satz: „Mit der Schilddrüse ist alles in Ordnung.“
Ganz so einfach ist es allerdings nicht.
Die erhöhten Antikörper zeigen, dass bereits eine Hashimoto-Thyreoiditis vorliegt. Gleichzeitig bewegt sich das aktive Schilddrüsenhormon fT3 bereits am unteren Rand des Referenzbereiches, obwohl ausreichend fT4 vorhanden ist.
Dazu kommt ein weiterer Befund: Die Eisenspeicher sind deutlich schlechter gefüllt, als man es sich wünschen würde.
Warum ist das wichtig?
Eisen wird nicht nur für die Blutbildung benötigt. Es spielt auch bei zahlreichen Stoffwechselprozessen eine Rolle, unter anderem bei der Aktivierung von Schilddrüsenhormonen. Ein Eisenmangel kann deshalb Müdigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme und reduzierte Leistungsfähigkeit verstärken.
Außerdem zeigte sich in der zweiten Zyklusphase ein Progesteronmangel.
Dieser Befund passt erstaunlich gut zu Helenas Beschwerden. Progesteron wirkt im Körper wie ein natürlicher Gegenspieler vieler PMS-Beschwerden. Es kann Wassereinlagerungen reduzieren, das Nervensystem beruhigen und bei vielen Frauen zu einem stabileren Schlaf beitragen.
Plötzlich ergibt sich aus vielen einzelnen Puzzleteilen ein Gesamtbild:
Die Müdigkeit und der Brain Fog passen zum Eisenmangel und zur beginnenden Schilddrüsenproblematik.
Die Wassereinlagerungen, das Brustspannen und ein Teil der Schlafprobleme passen dagegen hervorragend zum Progesteronmangel.
Tagsüber kämpft sie mit einem Problem, das viele Frauen nur schwer beschreiben können: Brain Fog.
„Es fühlt sich an, als hätte jemand Watte in meinen Kopf gestopft“, erzählt sie. Namen fallen ihr nicht ein. Sie sucht ständig nach Worten. Manchmal betritt sie einen Raum und hat bereits vergessen, was sie dort eigentlich wollte.
Auch auf der Waage läuft es nicht mehr wie früher. Obwohl sie nicht mehr isst als sonst, hat sie in den letzten Jahren mehrere Kilogramm zugenommen. Besonders störend empfindet sie die Wassereinlagerungen vor ihrer Periode. Dann spannen die Brüste, die Ringe sitzen enger und sie fühlt sich regelrecht aufgeschwemmt.
Viele Frauen würden in dieser Situation zunächst an Stress denken. Andere vermuten die Wechseljahre. Helena selbst hat einen ganz anderen Verdacht:
„Mit meiner Schilddrüse stimmt etwas nicht.“
Tatsächlich hatte sie schon vor einigen Jahren erhöhte Schilddrüsenantikörper. Die bisherigen Kontrollen wurden jedoch immer mit dem Hinweis beendet, die Schilddrüsenwerte seien noch normal.
Doch ist wirklich alles normal?
Nach einem ausführlichen Gespräch folgt die körperliche Untersuchung sowie ein vaginaler Ultraschall. Dabei zeigen sich keine Auffälligkeiten. Die Gebärmutter und die Eierstöcke erscheinen unauffällig. Organische Ursachen für die Beschwerden finden sich zunächst nicht.
Der nächste Schritt ist deshalb eine umfangreiche Blutuntersuchung.
Und genau hier beginnt die eigentliche Detektivarbeit.
Auf den ersten Blick wirken die Schilddrüsenwerte völlig unauffällig. Das TSH liegt im Normbereich. Viele Ärzte würden an dieser Stelle den Befund bereits abhaken.
Schaut man jedoch genauer hin, ergibt sich ein interessantes Muster.
Die Antikörper gegen die Schilddrüse sind deutlich erhöht. Sie zeigen, dass das Immunsystem gegen das eigene Schilddrüsengewebe arbeitet. Das passt zu einer Hashimoto-Thyreoiditis.
Gleichzeitig fällt auf, dass das freie T3 zwar noch innerhalb des Referenzbereiches liegt, sich aber bereits an der unteren Grenze bewegt. Das freie T4 dagegen befindet sich eher im oberen Bereich.
Für sich allein betrachtet wäre das noch kein Grund zur Sorge. Doch ein weiterer Wert fällt auf: Der Eisenspeicher ist nahezu leer.
Und genau hier wird es spannend.
Eisen wird nicht nur für die Blutbildung benötigt. Es spielt auch eine wichtige Rolle bei der Umwandlung von Schilddrüsenhormonen. Vereinfacht gesagt: Die Schilddrüse produziert zwar genügend Ausgangsmaterial, doch dem Körper fehlen möglicherweise die Werkzeuge, um daraus ausreichend aktives Schilddrüsenhormon herzustellen.
Das könnte erklären, warum Helena typische Schilddrüsenbeschwerden entwickelt, obwohl die Standardwerte noch nicht eindeutig krankhaft aussehen.
Doch damit nicht genug.
Bei einer zweiten Blutentnahme in der zweiten Zyklusphase zeigt sich noch eine weitere Auffälligkeit: Ihr Progesteronspiegel ist niedriger als erwartet.
Progesteron wird oft als das „Beruhigungshormon“ bezeichnet. Es kann den Schlaf unterstützen, wirkt ausgleichend auf das Nervensystem und hilft vielen Frauen dabei, Wassereinlagerungen und Brustspannen vor der Periode zu reduzieren.
Plötzlich ergeben viele Puzzleteile ein stimmiges Gesamtbild.
Die Müdigkeit könnte durch den Eisenmangel und die eingeschränkte Schilddrüsenfunktion mitverursacht werden.
Die Wassereinlagerungen, das Brustspannen und ein Teil der Schlafprobleme passen dagegen hervorragend zu einem Progesteronmangel.
Deshalb entscheiden wir uns zunächst für einen vergleichsweise einfachen ersten Therapieschritt: Die Eisenspeicher werden aufgefüllt. Gleichzeitig beginnt Helena in der zweiten Zyklusphase mit einer Progesterontherapie über 14 Tage.
Sechs Monate später berichtet sie über deutlich weniger Brustspannen, weniger Wassereinlagerungen und insgesamt mehr Stabilität im Alltag.
Die Schlafprobleme bestehen jedoch weiterhin teilweise.
Deshalb wird die Therapie später um orales mikronisiertes Progesteron in der zweiten Zyklusphase ergänzt.
Auch das zeigt Wirkung.
Nicht über Nacht. Nicht spektakulär. Aber Schritt für Schritt.
Und genau das ist eine wichtige Erkenntnis dieses Falls:
Nicht jede Frau mit Müdigkeit, Brain Fog und Gewichtszunahme braucht sofort Schilddrüsenhormone. Manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen und mehrere kleine Baustellen zu erkennen, die gemeinsam große Beschwerden verursachen können.




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