Welche Beschwerden belasten Frauen wirklich? Auswertung unseres Hormon-Symptom-Checks
979 ausgefüllte Fragebögen geben einen spannenden Einblick darin, welche Beschwerden Frauen im Alltag tatsächlich beschäftigen. Besonders interessant wird die Auswertung, wenn wir nicht nur fragen, ob ein Symptom vorhanden ist, sondern wie stark es ausgeprägt ist. Denn ein wenig Müdigkeit ist etwas anderes als eine Erschöpfung, die den Alltag spürbar einschränkt.

Deshalb ist „stark bis sehr stark“ die spannendere Auswertung
Im Fragebogen konnten die Beschwerden von „keine Beschwerden“ über „wenig“ und „mittel“ bis „stark“ und „sehr stark“ bewertet werden. Für die folgende Betrachtung wurden „stark“ und „sehr stark“ zusammengefasst. Damit rücken diejenigen Symptome in den Vordergrund, die von den Teilnehmerinnen als besonders belastend angegeben wurden. Mehrfachnennungen waren möglich; eine Frau konnte also gleichzeitig beispielsweise Erschöpfung, Brain Fog und Schlafstörungen angeben.
An der Spitze steht die Erschöpfung: 666 von 979 Teilnehmerinnen bewerteten sie als stark oder sehr stark – rund 68 Prozent. Es folgen Reizbarkeit mit 593 Betroffenen (61 Prozent) und Brain Fog mit 492 Betroffenen (50 Prozent). Danach folgen Libidoverlust mit 458 von 965 gültigen Antworten (47 Prozent), neue Ängstlichkeit beziehungsweise vermehrte Sorgen mit 403 von 965 (42 Prozent), depressive Verstimmungen mit 335 von 979 (34 Prozent) und Schlafstörungen mit 327 von 979 (33 Prozent).
Das klassische Bild der Wechseljahre greift zu kurz
Wer an Wechseljahre denkt, denkt häufig zuerst an Hitzewallungen. In unserer Befragung waren starke oder sehr starke Hitzewallungen beziehungsweise Schweißausbrüche jedoch bei 154 von 979 Teilnehmerinnen angegeben – rund 16 Prozent. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Hitzewallungen unwichtig wären. Es zeigt vielmehr, dass die subjektive Belastung in dieser ausgewählten Gruppe sehr häufig durch andere Symptome geprägt war: Erschöpfung, Reizbarkeit, Brain Fog, Ängstlichkeit, Schlafprobleme oder Libidoverlust.
Diese Beobachtung passt zu dem heutigen Verständnis der menopausalen Transition. Neben vasomotorischen Beschwerden werden auch Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, kognitive Veränderungen und Veränderungen der Sexualität häufig beschrieben. Die Beschwerden können in sehr unterschiedlichen Kombinationen auftreten.

Warum können Hormonschwankungen so unterschiedliche Beschwerden auslösen?
In der Perimenopause sinkt Östradiol nicht einfach gleichmäßig ab. Typisch sind zunächst teilweise erhebliche Schwankungen der ovariellen Hormonproduktion. Gleichzeitig werden Zyklen häufiger anovulatorisch, wodurch sich auch die Progesteronexposition verändert. Entscheidend ist dabei: Nicht jede Beschwerde lässt sich aus einem einzelnen Blutwert ableiten und nicht jede Frau reagiert gleich auf dieselbe hormonelle Situation.
Östrogenrezeptoren finden sich auch im Gehirn. Östrogene beeinflussen unter anderem neuronale Signalwege, Neurotransmittersysteme und Prozesse, die für Stimmung und Kognition relevant sind. Für Stimmungssymptome wird deshalb nicht nur ein niedriger Östrogenspiegel diskutiert, sondern gerade die Empfindlichkeit gegenüber hormonellen Schwankungen. Auch Veränderungen neuroaktiver Steroide wie Allopregnanolon werden als möglicher Mechanismus untersucht.
Brain Fog ist nicht einfach Einbildung
Kognitive Beschwerden sind während der Perimenopause häufig. Studien beschreiben insbesondere Veränderungen beim verbalen Lernen und Gedächtnis; auch Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Arbeitsgedächtnis können betroffen sein. Gleichzeitig ist Brain Fog selten monokausal. Schlafprobleme, depressive Symptome, vasomotorische Beschwerden, Stress und weitere gesundheitliche Faktoren können die kognitive Leistungsfähigkeit zusätzlich beeinflussen.
Schlaf kann zum Verstärker werden
Schlafstörungen verdienen deshalb besondere Aufmerksamkeit. Nächtliche Hitzewallungen können zu Erwachen führen, aber Schlafprobleme in der Perimenopause sind nicht ausschließlich eine Folge von Hitzewallungen. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dem veränderten hormonellen Umfeld und Schlafstörungen. Schlechter Schlaf wiederum kann tagsüber Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit und Stimmungssymptome verstärken. So kann ein regelrechter Symptom-Cluster entstehen.
Und die starke Erschöpfung?
Dass Erschöpfung in unserer Befragung an erster Stelle steht, ist klinisch besonders interessant. Sie sollte aber nicht automatisch als „hormonell“ eingeordnet werden. Müdigkeit und Erschöpfung können viele Ursachen haben – beispielsweise Schlafmangel, Eisenmangel, Schilddrüsenerkrankungen, metabolische Faktoren, psychische Belastungen, Medikamente oder andere Erkrankungen. Gerade deshalb ist eine strukturierte Anamnese wichtiger als die Suche nach einem einzelnen vermeintlichen Hormonwert.
Hormone sind ein Teil des Systems – nicht die einzige Erklärung
Die Ergebnisse sollten daher nicht so gelesen werden, dass 68 Prozent der Teilnehmerinnen aufgrund eines Östrogen- oder Progesteronmangels erschöpft sind. Die Befragung zeigt zunächst nur, welche Beschwerden in dieser Gruppe wie stark angegeben wurden. Sie kann weder Ursachen beweisen noch feststellen, ob eine Hormontherapie die jeweilige Beschwerde verbessern würde.
Das ist gleichzeitig die wichtigste Botschaft: Beschwerden in der Lebensmitte entstehen häufig aus einem Zusammenspiel von hormoneller Transition, Schlaf, Stress, Stoffwechsel, körperlicher Aktivität, Ernährung, psychosozialen Faktoren und individuellen Vorerkrankungen. Gute Medizin bedeutet deshalb, das Gesamtbild zu betrachten.
Was kann ich daraus für mich mitnehmen?
Wenn sich mehrere Beschwerden über Monate neu entwickeln oder deutlich verstärken, lohnt es sich, sie nicht isoliert zu betrachten. Zyklusveränderungen, Schlaf, Hitzewallungen, Stimmung, Kognition, Sexualität und körperliche Beschwerden gehören in eine gemeinsame Anamnese. Gleichzeitig sollten bei ausgeprägter Erschöpfung oder anderen unspezifischen Symptomen relevante Differenzialdiagnosen mitgedacht werden.
Und vor allem: Wechseljahresbeschwerden müssen nicht wie das klassische Lehrbuchbild aussehen. Eine Frau kann mitten in der hormonellen Transition stecken, ohne ausgeprägte Hitzewallungen zu haben. Erschöpfung, Reizbarkeit, Brain Fog oder Schlafprobleme können genauso Teil des Beschwerdebildes sein – sollten aber immer individuell eingeordnet werden.
Zur Einordnung unserer Daten
Der Hormon-Symptom-Check ist eine freiwillige Befragung und keine repräsentative Bevölkerungsstudie. Die Teilnehmerinnen haben sich selbst ausgewählt, und die Angaben beruhen auf subjektiver Selbsteinschätzung. Die Ergebnisse sind daher deskriptiv und erlauben keine Aussagen über die Häufigkeit dieser Symptome in der Gesamtbevölkerung oder über Kausalität. Bei einzelnen Fragen gab es zudem fehlende Antworten; deshalb wird bei den jeweiligen Auswertungen die Zahl der gültigen Antworten berücksichtigt.
Quellen und weiterführende Literatur
Metcalf CA et al. Cognitive Problems in Perimenopause: A Review of Recent Evidence. Current Psychiatry Reports. 2023;25:501–511.
Williams M, Maki PM. A Review of Cognitive, Sleep, and Mood Changes in the Menopausal Transition: Beyond Vasomotor Symptoms. Obstetrics & Gynecology. 2025;146(3):350–359.
Baker FC et al. Optimizing sleep across the menopausal transition. Climacteric. 2023.
Soares CN. Menopause and Mood: The Role of Estrogen in Midlife Depression and Beyond. Psychiatric Clinics of North America. 2023;46(3):463–473.
Crandall CJ, Mehta JM, Manson JE. Management of Menopausal Symptoms: A Review. JAMA. 2023;329(5):405–420.





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